26/01/2017 - HAPPY REPUBLIC DAY!

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Freitag, 15. Juli 2005

Edathy: "Die deutsch-indischen Beziehungen waren schon immer sehr gut"

Der indischstämmige SPD-Abgeordnete Sebastian Edathy lässt sich von kniehohen Aktenbergen auf seinem Schreibtisch, 70-Stunden-Woche und einer veritablen Parteikrise nicht unterkriegen. Kurz vor der Neuwahl besuchte ihn unser Reporter Sebastian Arackal in Berlin. Er traf einen kettenrauchenden jungen Politiker mit besten Zukunftsperspektiven.

Wie man als Politiker überlebt, sprich wiedergewählt wird, lernte Sebastian Edathy als persönlicher Referent des SPD-Politikers Ernst Kastning. Dessen niedersächsischen Wahlkreis Nienburg-Schaumburg übernahm der Soziologe zur Bundestagswahl 1998. Und gewann. 22 Tage nach seinem 29. Geburtstag zieht der Sohn einer Deutschen und eines Pastors aus Kerala in den Bundestag ein. Der Umzug nach Berlin gestaltet sich schwieriger als gedacht: "Herr Edathy, als Inder wird doch bestimmt viel mit diesen intensiven Gewürzen gekocht. Den Geruch bekomme ich nicht mehr aus den Wänden raus", polterte ein Hausbesitzer als Edathy in eine seiner Wohnungen einziehen möchte. Kurze Zeit später und um eine schlechte Erfahrung reicher findet Edathy einen normalen deutschen Vermieter.

Auch geprägt von solchen Alltagserfahrungen hat sich Sebastian Edathy in den knapp sieben Jahren im Bundestag vor allem als Innenpolitiker bewährt. Im Innenausschuss kämpft er gegen Diskriminierung und Rechtsextremismus. "Das rechtsextreme Gefährdungspotential ist weiter angewachsen: etwa 800 ausländerfeindliche gewalttätige Übergriffe im letzten Jahr. Die Zahl der Neonazis steigt leider auch weiter an", stellt er nüchtern fest. Mit seiner Arbeit gegen Rechts hat er sich Feinde gemacht. In Edathys Büro wird ein Extra-Ordner für Schmäh- und Drohbriefe geführt, aus dem seine Mitarbeiter lieber nicht zitieren wollen. Eine entspanntere Seite seiner Arbeit ist sein Einsatz für die deutsch-indischen Beziehungen, über den er exklusiv mit uns gesprochen hat.

Sie sind Vorsitzender der deutsch-indischen Parlamentariergruppe. Welche Ziele verfolgen sie dort?

Neben der Kernaufgabe, die Beziehung zum indischen Parlament zu pflegen, werben wir in Indien für den Studienstandort Deutschland. Umgekehrt wollen wir auch, dass mehr deutsche Studenten nach Indien gehen. Auch die Optionen für die Ausweitung des deutsch-indischen Handels sind sehr groß. Das Potential ist noch nicht einmal annähernd ausgeschöpft. Für die Entwicklung Indiens sind sicher Kooperationen in Sektoren wie Abfallmanagement, Gesundheitswesen und erneuerbarer Energien besonders attraktiv.

Welche Eindrücke haben Sie von Ihrer letzten Indienreise mitgebracht?

Ich war im Februar dieses Jahres zehn Tage mit einer Delegation in Bombay, Kalkutta und Delhi. In den Städten spürt man den Boom. Alleine wenn man sich die Entwicklung der Geschäftslandschaft anschaut, ist das offenkundig. Bombay macht an manchen Stellen den Eindruck einer europäischen Großstadt. Gleichwohl scheint es so zu sein, dass das mitnichten für das ganze Land gilt. Die alte Regierung Indiens hätte Bestätigung im Amt gefunden, wenn die Mehrheit der Inder der Auffassung gewesen wäre, es ginge ihnen wirtschaftlich gut.

Wie ist die Stimmung gegenüber Deutschland?

Die deutsch-indischen Beziehungen waren schon immer sehr gut. Indien war beispielsweise eines der ersten Länder, das die Bundesrepublik diplomatisch anerkannt hat. Ich stelle oft großes kulturelles Interesse fest, man wird häufig auf deutsche Dichter und Komponisten angesprochen. Es gibt aber auch ein sehr starkes Bewusstsein dafür, das wir die drittgrößte Wirtschaftsnation sind. Ein deutsches Produkt wird als qualitativ gut erachtet. Die Inder haben erfreulicherweise ein sehr positives Image von Deutschland und wünschen sich, stärker in den Fokus bei außen- und wirtschaftspolitischen Überlegungen gerückt zu werden. Man fühlt sich gegenüber China in den Schatten gestellt, was sich aber in den letzten zwei Jahren erheblich geändert hat.

Wird der indische Wirtschaftsboom anhalten?

Ich bin fest davon überzeugt. Die Import- und Exportzahlen gehen deutlich nach oben.

Was sehen Sie Negatives an Indien?

Es gibt keine Punkte über die man die indische Seite belehren müsste, weil die schon sehr selbstkritisch sind. Das ist auch etwas, was Deutschland und Indien eint. Die indischen Kollegen wissen sicher auch: Für deutsche Investoren ist wichtig, dass die Infrastruktur funktioniert. Es gibt in Teilen des Landes Probleme, was die durchgängige Stromversorgung angeht. In Deutschland haben wir nicht gerade wenig Bürokratie. Die Bürokratie in Indien scheint aber bisweilen noch ein Stück ausgeprägter zu sein.

Wollen Sie sich weiter für die deutsch-indischen Beziehungen engagieren?

Ich habe auch Zukunft starkes Interesse an Indien, wo ein Teil meiner Familie lebt. Das ist bei mir auch unabhängig von der Frage, ob ich (nach der Neuwahl) weiterhin Mitglied des Bundestages bin oder nicht.

Herr Edathy, danke für das Gespräch.

Nach dem Interview eilte Edathy gleich zum nächsten Termin mit einer Besuchergruppe aus seinem Wahlkreis. Mit Hochdruck wirbt der ehrgeizige Nachwuchspolitiker in diesen Wochen für sich und seine Sozialdemokraten: Shakehands auf Schützenfesten, endlose Parteisitzungen, laue Sommerfeste und obligatorische Ordensverleihungen stehen auf seinem Wochenplan. Dabei hat er als einer der wenigen jungen SPD-Politiker gute Chancen, nach der voraussichtlichen Neuwahl im September wieder im Bundestag zu sitzen. Sein Wahlkreis gilt als rote Trutzburg. Die Genossen halten ihm zusätzlich eine Hintertür offen: Wenn er nicht direkt gewählt wird, kann er über die Landesliste einrücken. Auf der Liste, die von Noch-Kanzler Gerhard Schröder angeführt wird, steht er auf dem sicheren Platz 17.