Dienstag, 18. Juni 2013

"Eigentlich nicht böse gemeint"

Foto: (c) Shajan Kumar
(kjo) Die Medien zeichnen ein verstörendes Bild von der indischen Gesellschaft - aus westlicher Sicht. Der geneigte Beobachter indischer Medien wird spätestens seit der Massenvergewaltigung einer Studentin in Delhi Ende letzten Jahres beobachtet haben, dass sich der verzweifelte Versuch, der Ursache für solche Verbrechen auf den Grund zu gehen mit der gebetsmühlenartigen Forderung nach immer drakonischeren Strafen abwechselt.

Je nachdem, in welchem Medienspektrum man sich umschaut, wird das eine oder andere vorherrschend sein.

Besonders Medien in indischen Sprachen, die leider zumeist Bildzeitungsniveau nicht überschreiten, plakatieren mit populistischen Kurzschlussforderungen - hastig befolgt von den um ihren Ruf bemühten Politikern, die kurz nach dem einschneidenden Vorfall vom 16. Dezember 2012 für indische Verhältnisse äußerst zeitnah Gesetze auf den Weg brachten, die für schnellere Verfahren und härtete Bestrafung bei Verbrechen gegen Frauen sorgen sollen.

In der Folge finden seit einem halben Jahr immer wieder ähnliche Schlagzeilen mit Gewaltverbrechen gegen Frauen Einzug in die Nachrichtenbulletins der zahlreichen Nachrichtensender und auf die Titelseiten der Zeitungen: Vergewaltigungen, Säureattacken, Ehrenmorde, Mädchen- und Frauenhandel, Zwangsverheiratungen Minderjähriger et cetera.

Einige - meist englischsprachige - Elitemedien, wie etwa das aufmüpfig kritische Magazin Tehelka, versuchen dabei auch dem Grund des Übels auf die Schliche zu kommen.

Wenn man immer wieder solch etwas liest wie "Rape. And How Men See It: Dozens of conversations provide a fascinating window into the psyche of the Indian male. Some of it dark. Some of it hopeful" (Tehelka), "Rape has, of late, become an acute disease in the Indian society" (Deccan Chronicle), "To kill a mother because her daughter wore jeans is indicative of how deep the rot has set in" (Tehelka), "Stopping rape isn’t possible unless we change the way we tackle and think about ordinary violence" (The Hindu) vermittelt das den beklemmenden Eindruck, die indische Gesellschaft sei insgesamt einfach nicht mehr ganz dicht.

Doch man wird bei dem Ganzen auch das Gefühl nicht los, dass diese mediale Kommunikation zwar objektiv die erschütternde Realität im zweitbevölkerungsreichsten Land der Welt dokumentiert, dies aber mit einem westlich-intellektuellen Ansatz geschieht, der mit der Realität in den Köpfen der meisten Inder nichts zu tun hat.

Es ist wohl eher so, dass diese Artikel ein verzweifelter Versuch sind, ein nicht existierendes Problembewusstsein zu dokumentieren, eine öffentliche Debatte vorzutäuschen, die so nicht geführt wird.

Und das im Grunde nur, um den eigenen westlich orientierten Eliten das Gefühl zu geben, sie lebten in einer Gesellschaft, in der öffentliche Debatten geführt werden, eine Gesellschaft, in der Experten von Nachrichtensprechern zu Dingen befragt werden um kluge Antworten zu geben, in der Experten und Politiker zusammensitzen und in Talkshows über Dinge diskutieren – eine Gesellschaft, die sich empört, eine Gesellschaft, in der ein westlicher, differenzierter Umgang mit Problemen herrscht.

Bei der breiten Masse jedoch hat das Mediengewitter entweder Anteilnahmslosigkeit hervorgerufen oder Demonstranten auf die Straßen gescheucht, die stumpf abenteuerliche Strafen forderten oder Steine warfen. Worüber sie sich eigentlich empörten und wie vielen es dabei um die eigentliche Sache ging, ist fraglich.

Es mag diese differenzierte, nach unseren Maßstäben vernünftige Gesellschaft durchaus geben in Indien. Nur ist diese eine ganz andere, als die, in der die Massenvergewaltigungen und Ehrenmorde geschehen sind, um die es geht. Die ganze Empörung ist ein Phantasiekonstrukt. Eine Phantasiedebatte wird um ihrer selbst Willen geführt.

Denn im Grunde leben der LKW-Fahrer aus dem ländlichen Bihar und der englisch ausgebildete Uni-Professor aus dem urbanen Vorort von Neu Delhi nicht im selben Land. Sie interessieren sich auch nicht für einander. Und die Oberschicht interessiert sich erst recht nicht für die Probleme der Mehrheit der Bevölkerung.

Die Wertschätzung für ein Menschenleben geht in Indien nicht über persönliche Sympathie hinaus.

Die indische Gesellschaft ist seit Jahrtausenden aus verschiedenen Wirkungskosmen zusammengesetzt, die sich auf der Straße und im gesellschaftlichen Leben funktional überschneiden, aber abseits davon - in dem was wir Privatleben nennen würden - völlig verschiedene Universen darstellen.

Wenn der wohlhabende Geschäftsmann sich am Straßenrand einen Snack holt, überschneiden sich zwangsläufig seiner und der Kosmos des Straßenverkäufers. Mittelschichtsfamilien haben häufig Hausbedienstete. Man redet mit ihnen, man bezahlt sie - aber im Grunde sind sie einem egal.

Der Unterschied zum Westen ist nun, dass dem deutsche Mittelschichtsfamilienmensch seine Putzfrau und deren Probleme wahrscheinlich auch egal sind, er das aber nicht offen so leben würde, oder das offen so sagen würde. Denn im Westen kennt man eine moralisch implizierte Solidarität in der Gesellschaft, die ihre imperativsten Auswüchse im berüchtigten Gutmenschentum zeigt.

In Indien hingegen wird von niemandem erwartet, sich um seinen Mitmenschen zu kümmern oder sich für sie zu interessieren. Wenn jemand verreckend am Straßenrand liegt, wird die indische Moral von niemandem fordern, dass er anhalten und diesem Menschen helfen muss.

Denn dass dieser Mensch in diese Situation gekommen ist, basiert auf einer Kette von Handlungen und deren Konsequenzen (Karma).

In der indische Moral - die es als solche eigentlich auch nicht gibt und die viel zu heterogen ist, um sie als solche zu bezeichnen - geht es vor allen Dingen um die Aufrechterhaltung der kosmischen Ordnung der Dinge, des Dharma.

Es ist jedem Teil der Gesellschaft, jeder Kaste und jeder Rolle, die ein Mensch in seinem Leben ausfüllt, ein Funktionsbereich zugeteilt. Dabei gibt es keine wirklichen Regeln sondern eher Hinweise, wie dieser so auszufüllen ist, dass die kosmische Ordnung nicht aus dem Gleichgewicht gerät.

Der Bettler, der am Straßenrand sein Dasein fristet, lebt in einem ganz anderen Kosmos als der Zeitungsverkäufer, der einige Meter weiter seine Zeitungen auf dem Gehweg ausgelegt hat. Ihre Wirkungsbereiche überschneiden sich nur unwesentlich, weshalb der eine keine Solidarität - oder Verantwortung - für den anderen verspüren muss.

Was daraus folgt, erscheint uns Menschen im Westen - es sei dahingestellt, wie geheuchelt oder ernstgemeint dabei unsere christliche und aufklärerische Moral auch ist - eine Egal-Gesellschaft zu sein.

Solang nicht seine Familie betroffen ist, solang es ihn und seine Familie in seinem Leben nicht einschränkt, schert sich der Inder nicht besonders um seine Mitmenschen.

Das wirkt ignorant und kalt, ist aber eigentlich nicht böse gemeint. Denn geht es einem Menschen schlecht, dann wird das als Konsequenz seines Handelns, seines Karmas gesehen. Sei es in diesem oder in einem vorigen Leben.

Und eben auch dieser Glaube an die Wiedergeburt nimmt den Dingen ihre moralische Angreifbarkeit oder Drastik.

Ein armer Mensch ist nicht arm, weil die Gesellschaft ungerecht ist, weil z.B. Reichtum falsch verteilt ist, weil sich der Staat nicht kümmert, sondern weil es seine Rolle im Weltgefüge ist. Hat er die Rolle gut ausgefüllt, sich in seiner Rolle "richtig" betragen, wird er im nächsten Leben einen Aufstieg erfahren und als jemand wiedergeboren werden, der nicht mehr arm ist.

In dieser Hinsicht verliert auch der Tod seinen Schrecken. Es ist eine menschliche und natürliche Reaktion zu trauern und zu bedauern - logischerweise auch in Indien, wenn z.B. ein Verwandter, Guru oder Freund stirbt.

Wenn aber der Bettler am Straßenrand an Hunger zugrunde geht, dann könnte man das theoretisch sogar als eine Art Erlösung sehen.

In einem der großen indischen Epen, dem Mahabharata, muss der Pandava Prinz Arjun sogar in den Krieg gegen seine Verwandten, die Kaurava, ziehen. Als ihm das Unbehagen über den Umstand seine Vettern und Onkel töten zu sollen zweifeln lässt, erscheint ihm der Welterhalter Vishnu in Form des Gottes Krishna und überzeugt ihn davon, dass es notwendig ist, diesen Krieg zu führen, um Dharma aufrecht zu erhalten.

Und auch den zahlreichen blutrünstigen Dämonen im indischen Mythologie-Universum, die in heldenhaften Sagen einer um den anderen von tapferen Göttern zur Strecke gebracht werden, kann man in Indien im Grunde nicht böse sein, da sie ja nur ihre innerhalb des Dharmas zugewiesene Rolle erfüllen und in Form des eigenen Todes die tragische Konsequenz ihres Handelns zu spüren kriegen.

So ist es vielleicht nicht gutzuheißen, was sich in Indien seit Jahrhunderten abspielt. Und so soll auch nicht der Eindruck erweckt werden, die indische Philosophie kenne keine Nächstenliebe und kein Mitgefühl. So ist es aber vielleicht doch zu erklären, dass immer wieder ungerechte und grausige Dinge in Indien passieren, diese aber einen Großteil der Inder nicht tangieren und mit denen Indien und die Welt noch lange werden leben müssen.

Der gesunde Menschenverstand, von dem bei uns oft die Rede ist, und der sicher auch in einigen indischen Philosophieströmungen anzutreffen ist, wäre derweil ein Mittel, eine große Zahl von grundlegenden Problemen in der indischen Gesellschaft - oder besser gesagt in den indischen Gesellschaften - lösungsorientiert anzugehen. Und nicht nur dort.

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